Strategien der Auslagerung von IT-Dienstleistungen und deren Folgen für die Beschäftigten


ISF-Forschungsschwerpunkt:

Informatisierung von Arbeit; Internationalisierung von Arbeit; Internationalisierungsstrategien von Unternehmen


Auftraggeber: Hans-Böckler-Stiftung

ProjektbearbeiterInnen:

 TelefonE-Mail
PD Dr. Andreas Boes089 / 27 29 21 - 42 andreas.boes@isf-muenchen.de 


Laufzeit: 11 / 2003 - 06 / 2004
Die im Rahmen dieses Projekts durchgeführten Arbeiten greifen, ausgehend von der These eines gesellschaftlichen Produktivkraftsprungs, welcher mit der Verbreitung eines international verfügbaren „Informationsraums“ verbunden ist, eine viel diskutierte aktuelle Entwicklung des Wandels der internationalen Produktionsstrukturen auf. Es wird die Offshoring-Entwicklung in der deutschen Wirtschaft analysiert, und zwar im Bereich der IT-Industrie.

Die Kernthese lautet: Der seit Beginn des Jahrtausends zu konstatierende Offshoring-Boom kann als manifester Ausdruck eines Schubs bei der Internationalisierung von Software- und IT-Dienstleistungsproduktion verstanden werden. Offshoring ist insofern eine Zuspitzung der Internationalisierung der Produktionsstrukturen im Dienstleistungsbereich und vermutlich sichtbarer Ausdruck einer neuen Phase der IT-Industrie insgesamt. Damit geraten Beschäftigtengruppen unter Druck, welche die „Verlagerungswellen“ der letzten 30 Jahre vergleichsweise unbeschadet überstanden haben. Waren in der Vergangenheit insbesondere gering qualifizierte Beschäftigte und Menschen am Rande des Erwerbssystems betroffen, werden nun auch die hochqualifizierten Beschäftigtengruppen mit ihren vergleichsweise hohen Lohn- und Sozialstandards zu Adressaten entsprechender Forderungen. Ging es in den 70er- und 80er-Jahren vorwiegend um die Verlagerung von einfachen lohnintensiven Tätigkeiten der klassischen Industrie, so geraten nun verstärkt Dienstleistungstätigkeiten und „Kopfarbeiter“ – und damit gerade die Beschäftigtengruppen, welche sich in der Vergangenheit trotz aller wirtschaftlichen Verwerfungen vergleichsweise sicher fühlen konnten – ins Visier von Verlagerungsaktivitäten und werden damit in einer neuen Weise dem Druck des Weltarbeitsmarktes ausgesetzt.

Damit, so das Ergebnis der Untersuchung, ist nicht zwingend ein „Verlagerungsautomatismus“ in Gang gesetzt. Die Reorganisation weltweiter Wertschöpfungsketten in der IT-Industrie vollzieht sich vielmehr in einem sozialen Prozess mit offenem Ende. Zwar ist es durchaus plausibel, dass „geographische Entfernungen als ‚natürliche’ Konkurrenzgrenze zwischen Produktionsorten“ tendenziell an Bedeutung verlieren und „im ‚entfernungslosen’ Raum informationstechnologisch herstellbarer Nähe“ (Beck) neuartige Konkurrenzverhältnisse entstehen. Doch bleiben auch die großen IT-Unternehmen im Zuge dieser Entwicklung verletzbar. Sie werden eben nicht zu „footloose enterprises“, zu transnationalen Konzernen ohne Bindung an national verfasste Wirtschaftsräume und reales soziales Hinterland. Ihre Internationalisierungsstrategien sind insbesondere dann, wenn sie interdependente Produktionsnetzwerke ins Zentrum stellen, extrem fragile und voraussetzungsreiche Gebilde. Ohne eine starke Stellung in den heimischen Operationsbasen werden auch die großen Konzerne schnell zu „Papiertigern“. Und insbesondere die Abhängigkeit von den strategisch wichtigen Beschäftigtengruppen an den zentralen Knotenpunkten der Unternehmensnetzwerke engt ihren Handlungsspielraum ein.

Die aktuell verfolgten Offshoring-Strategien könnten sich unter diesen Bedingungen als „Sackgasse“ erweisen. Denn die Orientierung auf Kostensenkung und Verlagerung von Arbeitsplätzen droht den Unternehmen genau die sozialen Grundlagen zu entziehen, welche sie zur erfolgreichen Bewältigung des erforderlichen Restrukturierungsprozesses eigentlich benötigen.

Weitere Informationen:

Arbeitspapiere und Vorträge


Veröffentlichungen