Eine Chance für die Arbeit – Voraussetzungen eines hohen Beschäftigungsstandes bei alternder Bevölkerung

Projektbeschreibung

Zu den sich grundlegend verändernden Rahmenbedingungen, die nachhaltig auf die Erwerbsarbeit am Standort Deutschland einwirken, zählen neben den massiven Turbulenzen in der wirtschaftlichen Entwicklung erhebliche Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung und sich beschleunigende technisch-organisatorische Umbrüche. Überformt wird dieser Trend in der Bundesrepublik von starken Verschiebungen in der altersstrukturellen Zusammensetzung der Bevölkerung mit entsprechenden Auswirkungen für das Erwerbspersonenpotential. Um die damit verbundenen, z.T. derzeit noch keineswegs vollständig abzusehenden Veränderungen genau zu analysieren und den daraus abzuleitenden komplexen Konsequenzen nachzugehen, hat das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) einen Forschungsschwerpunkt "Demographischer Wandel und die Zukunft der Erwerbsarbeit im Standort Deutschland" ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Schwerpunktes führt das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München ein Forschungsvorhaben zum Thema "Eine Chance für die Arbeit – Voraussetzungen eines hohen Beschäftigungsstandes bei alternder Bevölkerung" durch, das in einen Verbund von Projekten, die sich speziell mit den Auswirkungen der skizzierten Veränderungen auf Kleinbetriebe und insbesondere auf das Handwerk befassen, eingebunden ist. Denn – so eine gemeinsame Ausgangsthese – kleinere Unternehmen werden von den drastischen Veränderungen bei der Zusammensetzung des Arbeitskräftepotentials einerseits sehr stark betroffen sein, andererseits bietet dieser Bereich auch günstige Ansatzpunkte dafür, substantielle Beiträge zur Lösung der damit anstehenden Probleme zu liefern.

Das Vorhaben des ISF baut auf der Annahme auf, daß – unbeschadet des voraussichtlich rückläufigen Erwerbspersonenpotentials – auf absehbare Zeit eine erhebliche Arbeitsplatzlücke weiterbestehen wird und daß daher auch zukünftig die Sicherung von Beschäftigungsmöglichkeiten und vor allem die Schaffung neuer Arbeitsplätze – insbesondere auch für ältere Arbeitnehmer geeigneter – von besonderer Bedeutung sein werden. Schließlich ist es unübersehbar, daß sich synchron mit dem demographischen Strukturbruch grundlegende Änderungen des gesamten Produktionsmodells vollziehen und zugleich immer deutlicher wird, daß eine diese Veränderungen ignorierende unveränderte Fortsetzung der bisherigen Produktionsweise aufgrund der damit einhergehenden ökologischen und sozialen Kosten zunehmend an ihre Grenzen stoßen müßte.

Der Stärkung von Produktionen und Dienstleistungen eines Typs, der sich dadurch auszeichnet, daß er vergleichsweise viel menschliche Arbeit erfordert und zugleich ressourcensparend und umweltschonend ablaufen kann, kommt vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung zu. Noch aber setzt sich der Trend zur immer stärkeren Verdrängung von menschlicher Arbeit zugunsten von Sachkapitaleinsatz und Ressourcenverbrauch fort, vor allem weil unser Umverteilungssystem die "Wettbewerbsposition des Faktors Arbeit" einseitig verschlechtert, indem es Arbeit mit einer Reihe "sachfremder" Kosten belastet, die eigentlich von allen zu tragen wären und nicht nur von denjenigen, die die Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen aufbringen müssen. Es besteht weitgehend Konsens darüber, daß ein entscheidender Ansatzpunkt für eine Trendwende hin zu mehr Arbeitsplätzen im Abbau der dadurch überhöhten Lohnnebenkosten liegt und daß von einer solchen Entlastung voraussichtlich insbesondere kleine Betriebe, die ihre Produktionen und Dienstleistungen vergleichsweise arbeitsintensiv erbringen, profitieren würden.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, betriebliche und überbetriebliche Voraussetzungen zu klären, die gegeben sein müssen, damit im Falle einer "Kostenentlastung des Faktors Arbeit" verstärkt Produkte und Dienstleistungen angeboten werden, die möglichst hohe Beschäftigungswirkungen mit einem möglichst geringen Bedarf an Sachkapitalinvestitionen, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung verbinden.

Dabei geht es konkret u.a. um folgende Fragen:

  • Wie würden sich die verschiedenen derzeit diskutierten Reformmaßnahmen auswirken?
  • Welche Reaktionsmöglichkeiten haben die Betriebe?
  • Wie können arbeitsmarktpolitisch wünschbare Verhaltensweisen gefördert bzw. – umgekehrt – wie müßten Maßnahmen zur Entlastung des Faktors Arbeit gestaltet werden, damit positive Beschäftigungseffekte tatsächlich eintreten?
  • In welchen kleinbetrieblichen, insbesondere handwerklichen Bereichen können bei einer Reduktion der Arbeitskosten bestehende arbeitsintensive und zugleich tendenziell ökologisch wünschenswerte Aufgaben ausgeweitet werden, wo können neuartige Tätigkeitsfelder zusätzlich entstehen?
  • Welche Auswirkungen hat ein solcher Umstrukturierungsprozeß auf betrieblicher Ebene, und welche Anpassungserfordernisse kommen auf Betriebe und Beschäftigte zu (z.B. Qualifikationsanpassungen, neue Anforderungen an Technikgestaltung und Arbeitsorganisation)?

Das Vorhaben des ISF versteht sich somit einerseits als ein grundlagenorientiertes Projekt, das Zukunftsperspektiven entwickelt und ihre Konsequenzen analysiert, ist andererseits aber anwendungsorientiert, indem es praktikable Ansatzpunkte für eine Umsetzung der entsprechenden Konzepte identifiziert. Um dieses Ziel zu erreichen, ist das Vorhaben auf einen intensiven Erfahrungsaustausch mit Experten und Betroffenen aus Handwerk und kleinbetrieblichen Branchen angewiesen. In diesen Erfahrungsaustausch sollen Unternehmer und erfahrene Arbeitskräfte aus ausgewählten Branchen einbezogen werden, z.B. aus Unternehmen, die bereits zukunftsweisende Umstrukturierungen vorgenommen haben bzw. solche planen. Zu beteiligen sind aber auch Experten aus Verbänden und Verwaltungen sowie aus Institutionen, die Kleinbetriebe bei der notwendigen Umstrukturierung unterstützen könnten. Dabei wird es nicht nur darum gehen, Daten und Einstellungen zu erheben, sondern gemeinsam bisherige Erfahrungen quasi "gegen den Strich" neu zu interpretieren und für ein innovatives, zukunftsbezogenes Szenario zur Schaffung neuer umweltgerechter Arbeitsplätze, die auch den Erfordernissen einer sich umfassend wandelnden Altersstruktur gerecht werden, nutzbar zu machen.

Um den notwendigen Diskussionsprozeß in Gang zu bringen und Ergebnisse rasch rückzukoppeln, werden Workshops mit Experten und betroffenen Arbeitnehmern durchgeführt. Auf einem im Rahmen des Projektverbunds geplanten Kongreß "Lebensqualität durch Handwerk – Arbeitsqualität im Handwerk", der 1998 stattfinden soll, werden dann Ergebnisse und Schlußfolgerungen des Vorhabens einem breiteren Forum vorgestellt und in die Diskussion über Ziele und Wege zukünftiger Arbeit in Handwerk und Kleinbetrieben eingebracht.

ProjektbearbeiterInnen

Projektlaufzeit

03/1996 bis 06/1998

Projektträger

gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Projektträger: Arbeit und Technik (AuT)